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Flutwellen und Stromstöße - Electric Dragon vs. Eureka

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Flutwellen und Stromstöße

Electric Dragon vs. Eureka: Zwei japanische Filme suchen nach einer posttraumatischen Filmsprache

von Volker Hummel

"Trauma: Ereignis im Leben des Subjekts, das definiert wird durch seine Intensit√§t, die Unf√§higkeit des Subjekts, ad√§quat darauf zu antworten, die Ersch√ľtterung und die dauerhaften pathogenen Wirkungen, die es in der psychischen Organisation hervorruft."

aus: J. Laplanche/J.-B. Pontalis: "Das Vokabular der Psychoanalyse"

Begreift man die Anschl√§ge vom 11. September als traumatisches Ereignis, dann legt die Definition des W√∂rterbuchs die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Krieg in Afghanistan um seine pathogene Wirkung handelt. Ein inad√§quater Versuch einer unf√§higen Regierung, die psychische Organisation ihres Landes wiederherzustellen. Doch die Psychoanalyse vom einzelnen Subjekt auf ganze Nationen zu √ľbertragen, ist ein gef√§hrliches Unterfangen. Zwischen der tats√§chlichen psychischen Verfassung der √úberlebenden des Anschlags und der milit√§rischen Realpolitik der USA gibt es keine verifizierbaren Zusammenh√§nge. Im Gegenteil: H√§ufig h√∂rt man, dass traumatisierte Opfer keineswegs auf direkte Rache sinnen, sondern eine tiefe Abneigung gegen jede Form von Gewalt entwickeln.

Was der Begriff des Traumas zum Ausdruck bringt, ist gerade die Unm√∂glichkeit eines sofortigen Handelns, dass die gest√∂rte Ordnung wiederherstellt. Es gibt kein Gegen-Ereignis, dass alles wieder ins Lot zur√ľckbringen kann. Vielleicht war das auch der eigentliche Grund f√ľr die nur ein paar Monate w√§hrende Repr√§sentationskrise des Actionfilms √† la Hollywood. Der Grund, warum Filme wie der erst k√ľrzlich angelaufene "Collateral Damage" einer "Anstandszensur" zum Opfer fielen und f√ľr unzumutbar gehalten wurden, ist vielleicht gerade nicht ihre N√§he zur Realit√§t, sondern die offenbar gewordene Naivit√§t ihrer Grundpr√§misse: dass sich b√∂ser Terror in kurzer Zeit von einem Helden √° la Schwarzenegger durch guten Terror aus der Welt schaffen l√§sst. Und die scheint jetzt wieder hoff√§hig zu sein.

Dass es auch einen anderen Umgang mit Tod und Trauma geben kann, zeigen derzeit eindrucksvoll zwei japanische Filme, Sogo Ishiis "Electric Dragon 80.000 Volt" und Aoyama Shinjis "Eureka". Auf den ersten Blick scheinen beide Werke vollkommen unterschiedlich zu sein. W√§hrend Shinjis dreieinhalbst√ľndiger Film mit langen Einstellungen, in ruhigem Rhythmus und in einem l√§ndlichen Setting von einem spirituellen Neuaufbruch erz√§hlt, braucht Ishii f√ľr seinen in einem hypermodernen Tokio angesiedelten visuellen und akustischen Overkill nur 55 Minuten. Gemeinsam ist beiden Werken jedoch ihr Bezug auf ein traumatisches Ereignis, dass nicht nur das Handeln der Figuren, sondern in jeweils unterschiedlicher Weise Rhythmus und √Ąsthetik bestimmt. Beide Regisseure entwerfen, einmal in extremer Langsamkeit, einmal in kaum zu √ľberbietender Kinetik, posttraumatische Landschaften, in denen sich ihre aus dem sozialen Gef√ľge herausgesprengten Figuren bewegen.


Eureka


In Umkehrung herk√∂mmlicher Leinwandpriorit√§ten widmet Regisseur Aoyama Shinji in "Eureka" seine Aufmerksamkeit nicht dem traumatischen Ereignis selbst, einer Busentf√ľhrung, bei der sechs Menschen sterben, sondern seinen Nachwirkungen auf die √úberlebenden, die Geschwister Kozue und Naoki und der Fahrer Makoto. In einem Interview hat Shinji seinen Film auch als Auseinandersetzung mit der Saringas-Attacke auf die Tokioter U-Bahn beschrieben, bei der am 20. M√§rz 1995 zw√∂lf Menschen ums Leben kamen. Im Film finden sich keine Hinweise auf dieses konkrete Ereignis, das Busnapping wird vielmehr als unpolitische Gewalttat schlechthin geschildert. Es gibt keine psychologischen Motive, die die Figur des Attent√§ters erkl√§ren, keinen Bezug zu seinen willk√ľrlich gew√§hlten Opfern. Die Gewalt erscheint nicht als erkl√§rbares und letztlich beherrschbares √úbel, sondern als eben jenes unertr√§glich intensive Ereignis, vor dem es keinen Schutz und auf das es keine ad√§quate Reaktion gibt.

Eureka
Jedenfalls nicht in 90 Minuten. Die entscheidende Differenz zwischen "Eureka" und den Terror-Entsorgungs-Szenarien Hollywoods ist die Zeit. Shinji schildert die Auswirkungen der in der ersten Viertelstunde gezeigten Gewalttat auf Makoto und die Kinder als 200-min√ľtigen Prozess des R√ľckzugs, des Schweigens und schlie√ülich der Ann√§herung und des gemeinsamen Aufbruchs. Weder f√ľr Makoto, der sich nach einer zweij√§hrigen Abwesenheit seiner Frau und Familie entfremdet hat, noch f√ľr die verwaisten Kinder, die einsam in einem gro√üen Haus leben, scheint es einen Weg zur√ľck in die Normalit√§t zu geben. Wie aus ihrem eigenen Dasein herausgefallene Geister wandeln sie durch die sepiaget√∂nte Landschaft der Insel Kyushu. Mit seinem meditativen Erz√§hlrhythmus erzeugt Shinji eine Stimmung posttraumatischer Verunsicherung, f√ľr die es kein einfaches Heilmittel gibt.

Erst eine gemeinsame Busreise, an der auch Akihiko teilnimmt, ein Cousin von Kozue und Naoki, schafft vielleicht eine M√∂glichkeit, ins Leben zur√ľckzukehren. Vor allem Makoto versteht die Reise als eine Form der Wiedergeburt, nicht durch reaktion√§re Gewalt, sondern durch die Zur√ľckgewinnung der Verantwortung f√ľr das eigene Leben und das anderer. Doch auch andere Reaktionen bleiben im Verlauf des Films stets bedrohlich reizvolle Optionen. Zum einen der endg√ľltige Abschied vom Leben, der Selbstmord, zum anderen die Weitergabe der Gewalt. Diese Option wird durch eine Reihe von Morden an jungen Frauen auf Kyushu versinnbildlicht, √ľber deren Hintergr√ľnde Shinji den Zuschauer lange im Dunkeln l√§sst.

"Bald wird eine Flutwelle kommen und uns alle wegsp√ľlen", sagt Kozue gleich zu Beginn des Films. Was dann wenig sp√§ter √ľber sie hereinbricht, ist keine Naturkatastrophe, sondern jene Form anonymer Gewalt, die sich noch nie an die Spielregeln der so genannten zivilisierten Welt gehalten hat. Denn, und das ist die tief greifende Erkenntnis dieses meisterhaften Films, der Zivilisation haftet immer etwas Nachtr√§gliches an. Sie setzt dort ein, wo sich jemand f√ľr das Leben und gegen den Tod entscheidet, auch wenn er die n√§her liegende Alternative zu sein scheint.


Electric Dragon 80.000V


Wie nahe die Lebenden den Toten sind, davon wei√ü auch Dragon Eye Morrison seit seiner Kindheit ein Punklied zu singen. Seit der Held von Sogo Ishiis "Electric Dragon" als kleiner Junge auf einem Strommast ein paar Volt zu viel abbekommen hat, schreit sein innerer Drache nach Blut. Eine Jugend voller Elektroschocks schafft keine Abhilfe, erst die ekstatisch gespielte E-Gitarre bringt die innere Reptilie fur kurze Zeit zum Schweigen. Seine telepathische Verbindung mit entlaufenen Eidechsen nutzt Dragon Eye, um sich sein elektromagnetisches Loft irgendwo in Tokio leisten zu k√∂nnen. Doch √ľber den D√§chern wartet schon seine 200.000-Volt-Nemesis. Denn auch der Thunderbolt Buddha ist als Kind zu hoch auf einen Strommast geklettert und hat jahrelang auf einen ebenb√ľrtigen Gegner gewartet. Es darf nur einen geben, und es kommt zur epischen Stromschlacht zwischen den Kontrahenten.

Das Tokio, vor dessen elektromagnetisch pulsierender Skyline sich der Kampf der bis zur Halskrause aufgeladenen Wonderboys abspielt, erweckt ebenso den Eindruck einer postapokalyptischen Leere wie Shinjis sepiaget√∂ntes Kyushu. In den Hinterh√∂fen und auf den D√§chern, den marginalen R√§umen der Metropolis, in denen sich das Leben der beiden Antagonisten abspielt, ist kaum etwas zu sehen von den Massen, die sich sonst durch die Stadt w√§lzen. Nicht von Menschen ist dieses magische Reich bev√∂lkert, sondern von elektromagnetischen Pulsen. Diese Vision einer durchtechnisierten, inhumanen Welt verweist durchaus auf g√§ngige Manga-Fantasien, macht jedoch auch ihren traumatischen Hintergrund deutlich. Das "intensive Ereignis im Leben des Subjekts", das in "Electric Dragon" den Riss durchs soziale Gef√ľge darstellt, ist hier noch abstrakter, unpers√∂nlicher als in "Eureka". Der anf√§ngliche Einschlag des Blitzes kann gerade in seiner surrealen Zeichenhaftigkeit f√ľr jedes Ereignis stehen, zum Beispiel als Sinnbild der Atombomben, die nach wie vor als Wunde im japanischen Selbstverst√§ndnis wirken. Vor allem bewirkt der traumatische Blitz aber eine zus√§tzliche k√∂rperliche und psychische Energie, f√ľr die es im sozialen Schaltkreis kein Relais gibt.



Dragon Eye Morrison

Thunderbolt Buddha


Die Gewalt der Figuren, die in "Eureka" nur angedeutet ist, entwickelt in "Electric Dragon" ihr volles Potenzial. Jedoch nicht, wie in "Stirb langsam" oder "Collateral Damage", zur Wiederherstellung einer gest√∂rten Ordnung, als Backlash gegen klar definierte Feinde. Sondern als reiner akustischer und visueller Exzess , in dem die √Ėkonomie der Zeichen, mit denen sich die Gesellchaft ihres Selbstbildes versichert, unwiderruflich aufgesprengt wird. Als "Reich der Zeichen" hat schon Roland Barthes Japan bezeichnet. In Sogo Ishiis Film fliegen sie dem Betrachter nur so um die Ohren: kryptische Bez√ľge zur Drachen-Mythologie, Schriftzeichen, ikonographische Elemente von Superhelden-Comics, Industrial Images √† la fr√ľher David Lynch, Rock- und Punkposen en masse, Manga-Madness, urban-apokalyptische Visionen und ganz viel Elektrizit√§t.

Der eigentlich Held des Films ist Strom, f√ľr dessen √§sthetische Inszenierung Ishii ein synergetisches Gesamtkunstwerk geschaffen hat, das den Rahmen von Leinwand und Kinosaal in alle Richtungen aufzusprengen versucht. Vor allem der Punk-Soundtrack, den Ishii mit seiner Band Mach 1.67 selbst eingespielt hat, und die √ľbersteuerten Noise-Attacken aus Dragon Eyes Gitarre zielen auf direkte Freisetzung des in jedem Zuschauer-Stammhirn schlummernden Drachens.

Barthes√≠ Faszination f√ľr die fern√∂stlichen Zeichen, die gerade in ihrem Reichtum und ihrer Hermetik ihren r√§tselhaft-√§sthetischen Reiz entfalten, hat wohl viel mit dem zunehmenden Interesse am japanischen zeitgen√∂ssischen Kino zu tun. Dem ewig nur sich selbst und seine schal gewordenen Formeln wiederholendem Hollywoodkino steht hier eine exzessive, Genregrenzen √ľberschreitende und auf unbekannten Codes beruhende Bildsprache gegen√ľber. "Electric Dragon" ist ein Film, der mit einem nur 55-min√ľtigen Bildergewitter alle Spuren ausl√∂scht, die derzeitige Oscar-Anw√§rter in letzter Zeit beim Zuschauer hinterlassen haben. Etwaige Traumatisierungen sind nicht ausgeschlossen.

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