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What Time Is It There?

What Time Is It There?(Ni Nei Pien Chi Tien)
Frankreich/Taiwan 2oo1
Regie: Tsai Ming-Liang


Liebestrunken sitzt Hsiao-Kang in Taipeh/Taiwan nachts vor dem Fernsehschirm, schaut sich sehnsĂŒchtig Truffauts 400 coups an, denn seine Liebste, Shiang-Chyi, lediglich eine ProjektionsflĂ€che, weilt in Paris, wo sie, wie wir wenig spĂ€ter sehen werden, etwa zum gleichen Zeitpunkt auf einer Parkbank sitzt, neben sich - Nanu! - Jean-Pierre LĂ©aud.

Hektisch kramt sie in ihrer Tasche, sucht, wie sie LĂ©aud auf dessen Frage nebenbei antwortet, nach einer Telefonnummer, nach Hsiao-Kangs Nummer, wie wir es wissen, auch er fungiert als ProjektionsflĂ€che. Ganz französischer Charmant kritzelt LĂ©aud die eigene Nummer auf einen Zettel, reicht ihr diesen mit einem verschmitzten LĂ€cheln im Gesicht, stellt sich als "Jean-Pierre" vor und meint, da habe sie nun eine - seine - Telefonnummer. Mal ganz ehrlich, muss man einen Film nicht alleine schon fĂŒr diese Szene, diese Idee lieben?

Nun, man kann, natĂŒrlich, ist aber - zum GlĂŒck - nicht dazu angehalten, ihn allein aufgrund dessen zu lieben, denn auch jenseits dieser kleinen, cineastischen Augenzwinkerei - es versteht sich von selbst, dass LĂ©aud allein fĂŒr diese Idee, nicht aber darĂŒber hinaus eine Rolle spielt - weiß What Time Is It There? von Tsai Ming-Liang mit vielen kleinen und grĂ¶ĂŸeren EinfĂ€llen zu ĂŒberzeugen.

Um was geht's? Hsiao-Kang ist StraßenhĂ€ndler, verkauft, eher lustlos, Uhren. Der Vater ist vor kurzem gestorben, die Mutter flĂŒchtet sich in den Trost des Buddhismus, glaubt, dass ihr Gatte reinkarniert zurĂŒckkehren werde, richtet die Organisation des Alltags und damit auch des Zusammenlebens zunehmend auf dieses Ereignis aus, was zusehends zum Zwist mit dem Sohn fĂŒhrt.

Shiang-Chyi lernt er dann auf der Straße beim GeschĂ€ft kennen, sie interessiert sich fĂŒr die Uhr an seinem Handgelenk, doch die ist, zunĂ€chst, unverkĂ€uflich. Im VerhandlungsgesprĂ€ch stellt sich heraus, dass die junge Frau schon bald in Paris weilen werde, dass sie deshalb eine Uhr benötige, die ihr beide Uhrzeiten - die lokale, wie die der Heimat - anzeige. FĂŒr den nĂ€chsten Tag wird ein weiteres Treffen verabredet, dann könne Hsiao ihr ein Exemplar dieser Uhr besorgen, verkauft wird, letztendlich, dann dennoch die eigene.

FĂŒr beide - Hsiao durch den Tod des Vaters, die Entfremdung der Mutter traumatisiert, Shiang-Chyi in der Fremde isoliert - gerinnt die flĂŒchtige Begegnung zur ProjektionsflĂ€che eigener SehnsĂŒchte, zum sicheren Anker in Zeiten der Unsicherheit. Hsiao flĂŒchtet sich in französische Filme, die er nicht versteht, macht es sich zur Aufgabe, jedwede Uhr in seiner Umgebung nach Pariser Zeit einzustellen (was die Mutter im Haushalt als Zeichen der baldigen Wiederkehr des Gatten umdeutet), denkwĂŒrdige Parallelen im Bestreiten des Alltags, wie etwa die eingangs skizzierte, tun sich auf.

Klingt vielleicht ein wenig nach Wong Kar-Wai, ist aber in der Auflösung denkbar weit von den stilisierten Melancholielektionen des Hongkong-Chinesen entfernt. Eine weitgehend unbewegte Kamera fĂ€ngt das Geschehen ein, macht sich selbst so zum statischen Fenster, den Kinosaal zum Kuckkasten in die AlltagsrealitĂ€ten weit - auch voneinander - entfernt lebender Menschen. Der Zuschauer ist auf sich selbst zurĂŒckgeworfen, ist durch und durch Betrachter - die bestrahlte Leinwand als bewusst wahrgenommene Fortsetzung des Raums. Denn um den trennenden Raum - immerhin der halbe Globus liegt zwischen beiden Spielorten - geht es: hier das moderne Taiwan, dort das gleichsam alt wirkende Paris. Und damit immer auch verbunden die Zeit, die man rumkriegen muss, bis man den anderen wieder sieht, die man totschlagen muss, ist doch nichts anderes zu tun, als den Verlust an sich nagen zu lassen.

What time is it there?

Doch sind die einzelnen - ja, man kann sie wohl so nennen - Bildkapitel, die What Time Is It There? aneinander montiert, niemals beliebig oder gar banal. Jedes Bild erfĂŒllt seinen Zweck im Ganzen, jedes ist, wenn auch oft understatement-haft, durchkomponiert, in sich austariert. Der Film entwickelt dabei eine ganz eigene Freude am Sehen, lĂ€sst durch die empathisch nur langsam vergehende Zeit die Freude am Detail und am Blick darauf erwachen: Ein Treppenhaus, so und nicht anders, die Kamera keinen Millimeter anders positioniert, in Szene gesetzt, ein Hausflur, so banal in seinem Dasein, so schön in der Aufnahme. Ruhig, gleichsam meditativ das ErzĂ€hltempo, geradezu verschwenderisch werden Aspekte des Alltags gezeigt, doch immer eingebettet in ein, wenn nicht narrativ, so doch atmosphĂ€risch in sich geschlossenes Ganzes.

Und dann immer wieder der trockene, poetische Humor, etwa wenn Hsiao jede, aber auch wirklich jede Uhr umzustellen versucht. Von einem flachen DachgelĂ€nde aus beugt er sich zur Fassade hinab, angelt mit einer zweckentfremdeten Antenne nach dem Uhrzeiger eines Hochhauses, zieht den Zeiger in die gewĂŒnschte Position, Paris Ortszeit bitte schön. GĂ€nzlich unspektakulĂ€r setzt der Film das in Szene, fast schon beilĂ€ufig, kein Kommentar. Man schmunzelt in sich ein, lĂ€cherlich indes wird's nie. Man bleibt gespannt, mit welcher Begebenheit uns der Film als nĂ€chstes auf Entdeckungsreise schicken wird.

Es bleibt zu erwarten, dass What Time Is It There? auf nur wenigen der hiesigen LeinwÀnde zu sehen sein wird. Wer die Möglichkeit dazu hat, sollte sich diesen kleinen, unspektakulÀren, lebensklugen, und, ja, auch gewitzten Film nicht entgehen lassen.

Ab 12. Juni in den deutschen Kinos.



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hinzugefügt: June 5th 2003
Autor: Thomas Groh
Punkte:
zugehöriger Link: Internet Movie Database (IMDb)
Hits: 8416
Sprache: deu

  

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What Time Is It There?
Veröffentlicht von Anonymous am 2003-06-10 11:29:26
Meine Wertung:



Der Film lĂ€uft in MĂŒnchen ĂŒbrigens am Do. 26.Juni um 17 Uhr und am Mo. 30.Juni 17:30 Uhr im Amazeum (amazeum.de)


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