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Fickende Fische

Fickende FischeDeutschland 2oo1, Regie: Almut Getto

„... nur nicht, wie man lebt“

Fern, weit weg vom √ľblichen Teenie-Genre Hollywoods tauchen in hiesigen Kinos des √∂fteren Filme auf, die sich auf eine ganz andere Weise, ernsthaft, mit Jugendlichen und ihren Problemen auseinander setzen. Daniel Haas vom „Spiegel“ meint (nicht ganz zu Unrecht), der deutsche Film – wenn es ihn g√§be – produziere „schlechte Kom√∂dien, passable Dramen, exzellente Pubert√§tsgeschichten“. Die „Welt“ (Hanns-Georg Rodek) urteilt zu Almut GettosFickende Fische“: „Derart fest verankert in der Realit√§t wirken die kontrastierenden Traumsequenzen umso effektiver. Und je l√§nger der Film dauert, desto mehr f√§rben diese Tr√§ume in die Realit√§t ab, und je l√§nger, desto mehr √ľberzeugt er – bis zu diesem traurigen und hoffnungsvollen, endg√ľltigen und offenen Schluss, wie es ihn selten gibt“. (1)

Jan (Tino Mewes) wurde durch eine Blutkonserve im Krankenhaus infiziert: Er ist HIV positiv. Er lebt bei seinen Eltern Lena und Hanno (Annette Uhlen, Hans-Martin Stier) in einer eigenen Welt. Die Eltern wissen nicht, wie sie mit Jans Erkrankung umgehen sollen. W√§hrend der Vater wenig spricht, k√ľmmert sich die Mutter um Jan fast wie um ein Kleinkind. Jans Welt bestimmt das Wasser. Er hat in seinem Zimmer ein gro√ües Aquarium mit Zierfischen. Seine stummen Freunde sind genau das richtige f√ľr ihn. In der Badewanne √ľbt Jan mit der Stoppuhr, wie lange er es unter Wasser aushalten kann. Er balanciert auf Br√ľckengel√§ndern und tr√§umt vom Leben unter den Fischen, von einem Leben ohne allzu viele Vorschriften und Regeln.

Aber er √ľbt auch den Tod. Als er eines Tages mit geschlossenen Augen eine befahrene Stra√üe √ľberquert, kann ein Autofahrer gerade noch bremsen, ohne Jan zu √ľberfahren. Nina (Sophie Rogall) nicht. Sie f√§hrt mit ihren Inline Skates voll auf den Jungen, der mit einer Kopfverletzung ins Krankenhaus gefahren wird. Auf einer Br√ľcke treffen sich beide wieder. Nina f√§hrt diesmal nicht Jan um, sondern einen Fisch, den er in einem Plastikbeutel transportiert. Jan ist sauer. Auch Nina lebt in einer eigenen Welt, seit ihre Mutter sich von ihrem Vater getrennt hat und seither in Afrika lebt. Ihr Vater lebt mit einer j√ľngeren Frau zusammen, Nina und ihr Bruder in Distanz zu ihr. Nur zu Angel (Angelika Milster), einer Nachbarin, die Dessous und Erotikwaren verkauft, hat sie Vertrauen; ihr kann sie alles erz√§hlen.

Szenenbild

Nina sieht eine Chance. Nachdem Jan den bewusstlosen Fisch in den Fluss gekippt hat, l√§sst sie nicht locker. Jan interessiert sie. Sie fragt ihn, wie es Fische eigentlich machen. Ficken Fische eigentlich? Man sollte einen Fachmann fragen. Jan erkennt, dass Nina ihm sehr √§hnlich ist. Heimlich bricht Nina mit Jan nachts in das √∂rtliche gro√üe Aquarium ein, hilft ihm, sein Zimmer zu renovieren; sie verbringen die Zeit an einer einsamen Stelle eines Baggersees, tauchen, wie die Fische, umkreisen sich unter Wasser, wie die Fische. Sie tanzen in Jans Zimmer eng umschlungen. Nina m√∂chte mit Jan schlafen. Jan traut sich nicht, Nina die Wahrheit √ľber sich zu sagen. Er will das Gl√ľck mit ihr nicht j√§h zerst√∂ren.

Nach einem gemeinsamen Bad liegen beide in Jans Bett. Nina streichelt Jan, will ihn verf√ľhren. Als Jan f√ľr Nina v√∂llig unverst√§ndlich pl√∂tzlich aufspringt und sich wortlos und verzweifelt auf die andere Seite des Zimmers setzt, bricht f√ľr Nina eine Welt zusammen. Sie fl√ľchtet. Alles scheint wie ein Traum, ein Alptraum ...

√Ąhnlich wie schon Michael Gutmann mit „Herz im Kopf“ (2001) ist Almut Getto ein enormer Einblick in das Seelenleben zweiter Jugendlicher gelungen, die mit einer Welt fertig werden m√ľssen, die sie sich nicht aussuchen konnten. Auf einem Zettel in Jans Zimmer an der Wand steht der Spruch: „Alles hat man herausgefunden, nur nicht, wie man lebt.“ Jan steht zudem vor dem Problem, nicht zu wissen, wie man in so jungen Jahren stirbt. Sein Freund – ebenfalls von einer Blutkonserve mit AIDS infiziert, stirbt im Krankenhaus. Tage zuvor war er noch guter Hoffnung auf Besserung.

Szenenbild

Jan lebt, ihm droht der Tod, und dann lernt er Nina kennen, diese neugierige, offenbar keine Grenzen kennende Nina, die ihm in die Augen schaut, die immer wieder zu ihm kommt und der er die Wahrheit (zun√§chst jedenfalls) nicht sagen kann. Das Spiel der beiden Hauptdarsteller Sophie Rogall und Tino Mewes wirkt derart nat√ľrlich, unverkrampft und poetisch sch√∂n, dass es eine Freude und ein Leid zugleich ist. Auf das Leben losgelassen, und doch in so manchen Situationen erwachsener als die Erwachsenen k√§mpfen sich beide durch ihre Probleme, teils gegen, teils mit den Erwachsenen.

Almut Getto inszenierte die Geschichte zwischen Traum und Wirklichkeit, die oft nicht auseinanderzuhalten sind. Dabei wirkt nichts gek√ľnstelt, gewollt, gestellt. Getto erz√§hlt, auch davon, wie Nina und Jan ein Verh√§ltnis zu Leben und Tod finden, das jenseits der √úberbesorgtheit der Mutter (Jan darf auf keinen Fall Fett, Fleisch, Fisch essen, muss immer seine Tabletten nehmen etc.), der Routine der √Ąrzte und des Desinteresses der Erwachsenen den entscheidenden Platz in ihrem Leben einnimmt.

Beide √ľberwinden f√ľr sich die Unf√§higkeit der Erwachsenen. Als Nina erf√§hrt, dass ihre Mutter ausschlie√ülich deshalb aus Afrika anreist, um die Scheidung zu regeln, packt sie Wut und Verzweiflung. Gleichzeitig erkennt sie, dass die neue Freundin ihres Vaters, die sie f√ľr eine Zicke hielt, zu ihr h√§lt, ja sie liebt. Als Jan, nachdem er Nina mit einem anderen Jungen in der Disco gesehen hat, ausrastet, muss er sich entscheiden: f√ľr ein kurzes Leben in der L√ľge oder f√ľr die Wahrheit.

Ein rundum √ľberzeugender Film √ľber f√ľr Jugendliche (scheinbar) schier unl√∂sbare Probleme, der auch Erwachsenen einen Spiegel vor die Nase h√§lt – ohne Zeigefinger, ohne pathetische All√ľren, ohne R√ľhrseligkeit.

Der Film läuft ab 29. August 2oo2 in den deutschen Kinos.
(1) Zit. n. www.angelaufen.de

© Ulrich Behrens 2002 Рveröffentlicht zuerst in: www.ciao.com (unter dem Mitgliedsnamen Posdole)


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hinzugefŁgt: August 26th 2002
Autor: Ulrich Behrens
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Sprache: deu

  

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