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Sexy Beast

Sexy BeastGro├čbritannien/Spanien 2ooo
Regie: Jonathan Glazer


Cool !!

Sp├Ąt kommt er, doch er kommt, der erste Kinofilm des Musikvideo- und Werbefilmers Jonathan Glazer. In einer Mischung aus Gangsterfilm, Kom├Âdie und R├╝ckgriff auf Techniken aus der Werbebranche drehte Glazer einen gerade einmal 88 Minuten langen Streifen, der zwar deutliche Ankl├Ąnge an Gangsterfilme der 60er und 70er Jahre versp├╝ren l├Ąsst, aber keine Kopie darstellt, sondern eigenst├Ąndiges Werk bleibt.

Inhalt
Der englische Ex-Safeknacker Gal Dove (Ray Winstone) hat es sich mehr als gem├╝tlich gemacht. Zusammen mit seiner Frau Deedee (Amanda Redman), einem ehemaligen Pornostar, lebt er abgeschieden in einer Villa in Spanien, befreundet mit Aitch (Cavan Kendall) und dessen blonder, sch├Âner Frau Jackie (Julianne White). Gal und Deedee sind nicht superreich, aber sie k├Ânnen ihr Leben abseits ihrer Vergangenheit genie├čen, ohne arbeiten zu m├╝ssen. Im Haus hilft ihnen ein spanischer Junge, Enrique (├ülvaro Monje).

Als sich die beiden Paare eines Tages zum Essen verabreden, herrscht miese Stimmung bei Aitch und Jackie. Denn Jackie hat einen Anruf erhalten – von Don Logan (Ben Kingsley), einem skrupellosen Killer aus London, den alle vier nur zu gut kennen. Der will, dass Gal wieder t├Ątig wird. Und Dons ┬╗W├╝nsche┬ź abzuschlagen, das wissen alle vier, ist so gut wie unm├Âglich, sprich: kann t├Âdlich enden. Don ist bereits auf dem Weg nach Spanien. Er reist im Auftrag seines Gangsterbosses Teddy Bass (Ian McShane), der eine Bank ausrauben will, die durch die neuesten Sicherheitsstandards gesch├╝tzt ist.

Nicht nur Gal bekommt es mit der Angst zu tun. Trotzdem verspricht er Deedee, Dons ┬╗Angebot┬ź abzulehnen. Und er sagt Nein, ein zur├╝ckhaltendes, ausweichendes, fadenscheinig begr├╝ndetes Nein. Don verbreitet eine Stimmung des Terrors und der Angst, doch Gal bleibt bei seinem stillen Nein.

Dann allerdings folgt eine blutige Nacht – und Gal packt die Koffer und fliegt doch nach London. Der Bankraub – mit Gal – wird erfolgreich durchgef├╝hrt ...

Inszenierung
Szenenfoto
Die Anfangssequenz des Films zeigt Gal vor seinem Swimmingpool liegend. Er br├Ąt in der Sonne, w├Ąhrend Enrique putzt. Gal phantasiert dummes Zeug ├╝ber das Sonnenbaden. Seine braune Haut gl├Ąnzt im hellen Licht, umgeben vom Blau des Wassers und dem Wei├č des Hauses. Die Szene wirkt wie ein ├╝berkandidelter Werbespot. Das Produkt, das hier verkauft wird, ist das angenehme Leben, die wohlige W├Ąrme des Ruhestandes, das Faulsein im friedlichen S├╝den. Man dreht sich herum, und dann wieder in die andere Richtung. Gal glaubt, seine Vergangenheit endg├╝ltig hinter sich gelassen zu haben, endlich zur Ruhe gekommen zu sein. Er ist der King in seinem Haus, zusammen mit Deedee, die gerade unterwegs ist, aber bald zur├╝ck sein wird – Deedee, die Gal liebt wie nichts anderes, und die ihn liebt, wie nichts anderes.

Doch wie ein Vorbote des Unheils rast urpl├Âtzlich, als Gal am Pool steht, ein Felsbrocken vom Berg hinunter, knapp an ihm vorbei in den Pool und zerst├Ârt etliche Fliesen. Gal steht wie angegossen da, kann es nicht fassen. Aber schnell ist er wieder bei Sinnen. Enrique soll einen seiner Bekannten holen und den Fels abr├Ąumen lassen. Kein Problem. Gal hat das im Griff.

So einfach ist das mit dem ┬╗Brocken┬ź Don Logan nicht. Logan ist ein Killer, kennt keine Gef├╝hle, noch nicht einmal sich selbst gegen├╝ber. Logans Lieblingsspruch: Wo ein Wille
Szenenfoto
ist, da ist auch ein Weg. Und ein Wille ist da. Nein, Don kommt nicht, um Gal entscheiden zu lassen. Don kommt, um ein klares Ja zu h├Âren. Don kommt, um die Anweisungen Teddys zu auszuf├╝hren. Don ist Psychopath. Zu Gal sagt er: ┬╗Rede mit mir, ich bin ein guter Zuh├Ârer.┬ź Hohn, Spott, Don will nicht zuh├Âren, sondern ein unterw├╝rfiges Ja vernehmen. Als Gal ablehnt: ┬╗Doch.┬ź ┬╗Nein.┬ź ┬╗Doch┬ź. ┬╗Nein┬ź. Dann Don: ┬╗Sieh dich doch an, du Memme. Deine sonnenverbrannte Haut. Wie Leder. Wie ein verfickter Koffer. Wie ein fettes verficktes Krokodil. Liegst an Deinem Pool wie ein fetter Sack und lachst ├╝ber mich. Meinst du, das kann ich zulassen? Meinst du das wirklich. Sag nichts. Wichser. Du tust es.┬ź Diese S├Ątze sind typisch f├╝r Don, die personifizierte Gewalt und Skrupellosigkeit, doch zugleich so ├╝berdreht, dass man einfach lachen muss. Und Gal? In seinem Haus ist er der Boss. Als Don kommt, ist er der Terrorisierte, Aitch der Feigling, der glaubt, Don milde stimmen zu k├Ânnen, wenn er ihm hinten rein kriecht. Aitch hasst diesen Don und f├╝rchtet ihn wie nichts anderes. Don verabscheut diesen miesen Feigling, mit dessen Frau er fr├╝her einmal geschlafen hat.

Die Hierarchien sind so klar wie Klo├čbr├╝he. Teddy – Don – Gal – Aitch – Deedee und Jackie. Der Tod ist allgegenw├Ąrtig und Gal phantasiert ihn st├Ąndig, als die Vergangenheit ihn und die anderen wieder einholt: Don als Satan, Teddy als Obersatan, der mit dem Bankier schl├Ąft, dessen Bank er ausrauben will, und der ihn so selbstverst├Ąndlich erschie├čt, wie er ihn bittet, einen Whisky f├╝r Gal einzugie├čen.

Das alles inszenierte Glazer so ├╝berdreht sch├Ân, dass man Drama und Kom├Âdie nicht mehr auseinander halten kann, oder, wie ein amerikanischer Kritiker schrieb, als ob Harold Pinter das Drehbuch geschrieben und Quentin Tarantino daraus einen Film gezaubert h├Ątte.
Szenenfoto
Als Don nach dem Nein Gals wieder nach London zur├╝ckfliegen will, raucht er im Flugzeug und l├Ąsst sich von der protestierenden Stewardess nicht davon abhalten. Man k├Ânne nicht starten, wenn er rauche. Das sei doch ihr Problem, nicht seines. Dann: Also gut, dann w├╝rde er eben drau├čen fertig rauchen. Don wird festgehalten; man h├Ąlt ihn f├╝r verr├╝ckt, was er ja auch ist. Doch dann erz├Ąhlt er dem Flughafenbeamten eine abstruse Geschichte: Er sei von einem Steward an die Hose gefasst worden, als er sein Gep├Ąck aus der Ablage holen wollte. Ein weiterer h├Ątte ihn l├╝stern angeschaut. Er sei entsetzt gewesen. Ob die einen flotten Dreier mit ihm machen wollten? Bei so was kenne er sich nicht aus. Jedenfalls sei er so entsetzt gewesen, dass er eine Zigarette habe rauchen m├╝ssen. Diese Absurdit├Ąten ziehen sich durch den ganzen Film und machen ihn zu einem Genuss.

Die Handlung verl├Ąuft kontinuierlich auf dem schmalen Grat zwischen Tragik und Humor und ist von einigen ├ťberraschungen gespickt. Don will z.B. nicht deshalb wieder nach London zur├╝ckfliegen, weil Gal Nein gesagt hat, sondern weil der ihm vorh├Ąlt, er sei ja letztlich nur wegen Jackie gekommen. Das h├Ąlt Don nicht aus: Gal hat den Finger in eine offene Wunde gelegt. Don ist st├Ąndig, unaufhaltsam bem├╝ht, die Au├čenwelt zu ├╝berpr├╝fen, ob sie auch mit ihm konform geht. Und jetzt haut dieser Schei├č-Gal genau in diese Kerbe. Wer Gef├╝hle zeigt, zeigt Schw├Ąche. Das kann Don nicht vertragen. Seine geplante Abreise ist mehr Flucht vor sich selbst als alles andere, bevor er sich besinnt und zur├╝ckkehrt. Denn Teddy sitzt ihm im Nacken. Wenn er ohne Gal zur├╝ckkommt, ist das sein Tod.

Szenenfoto
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Dieser Satz kehrt sich schlie├člich gegen Don Logan. Zum Schluss steht Gal Dove als ein merkw├╝rdiger Sieger da. Die Vergangenheit hat ihn eingeholt. Sie wird ihn nie ganz verlassen. Und trotzdem hat er sie besiegt – nicht durch Mut, Entschlossenheit, Zielstrebigkeit. Gal hat sich durchlaviert und eine Menge Gl├╝ck gehabt. Er schwitzt und ├Ąngstigt sich durch das Geschehen, das er kaum beeinflussen kann. Gal hangelt sich an einem Seil ├╝ber dem tiefen Abgrund, ein Seil, das jederzeit rei├čen k├Ânnte. Es gibt nur eine wirklich entschlossene Tat in diesem Film. Und die f├╝hrt Deedee aus.

Schauspieler
Ben Kingsley positioniert Don Logan genau da, wo er hingeh├Ârt: ein Psychopath, der all seine ├ängste hinter der Fassade der Skrupellosigkeit verbirgt. Alle fallen darauf rein. Ray Winstone spielt den zur Ruhe gekommenen, bequemen, sympathischen Ex-Gangster, der alle seine Tr├Ąume vom zweiten Leben in Gefahr sieht, sehr ├╝berzeugend. Wenn Teddy ihn mit der Frage konfrontiert, wo Logan abgeblieben ist, und ihm dabei bohrend in die Augen sieht, bleibt Winstone gefasst. Doch zugleich bemerkt man die Fassade, hinter der sich Todesangst in seinem Gesichtsausdruck verbirgt. Ian McShane mimt den Teddy so kalt wie einen Eisberg, mit versteinertem, gefurchtem Gesicht, zu allem entschlossen, einen, der ├╝ber Tod und Leben entscheidet.

Fazit
Glazer spielt gl├Ąnzend mit dem Genre, ironisch, oft selbstironisch, mit einer gut sortierten Packung Skurrilit├Ąt. Er spielt mit Gef├╝hlen, verdr├Ąngten Gef├╝hlen und dem Zusammenhang zwischen Emotion und Gewalt in Extremsituationen, exzellent umgesetzt in Bildern, in Bildphantasien, teilweise durch rasante Schnitte in Szene gesetzt, ohne dabei hektisch zu werden oder in Manierismen des Genres zu verfallen. Ein insgesamt wirklich gelungenes Deb├╝t! Bleibt nur die Frage: Wer ist hier the sexy beast?

┬ę Ulrich Behrens 2002 – ver├Âffentlicht zuerst in: www.ciao.com (unter dem Mitgliedsnamen Posdole)


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hinzugefŘgt: July 2nd 2002
Autor: Ulrich Behrens
Punkte:
zugeh÷riger Link: IMDb
Hits: 40346
Sprache: deu

  

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